Brauchen wir einen Fetisch (statt Religion?)

Einen Fetisch zu haben gehört ins 21. Jahrhundert, wie das Smartphone in den Hosensack, Avocado in jeden einigermassen Instagram-tauglichen Salat und wie Hundefilter auf jede Basic Bitch. Oder: Wer sich nicht zumindest mal den Arsch ein bisschen versohlen lässt oder seiner Partnerin die Füsse leckt, ist nicht modern.

Von einem «Fetisch» ist immer dann die Rede, wenn wir einem Objekt einen Wert geben, den es eigentlich gar nicht hat. Ein Ballon zwischen den Beinen ist nicht geil – du sitzt auf einem (vermutlich krankheitserregenden) Gefäss aus Kunststoff. Handschellen sind nicht aufregend, sie sind zwei Metallringe. Fifty Shades ist nicht verbotene Lust, sondern tote Bäume (und tote Hoffnung für gute Literatur). Aus dieser «Sinngebung» aller Objekte hatte sich sogar mal eine Religion abgezeichnet – der Animismus. Er wurde dann doch als heidnisch abgestempelt und durch rationalere Glaubenssätze ersetzt.

In einer christlichen bis verklemmten Gesellschaft blieb neben der Missionarstellung im Dunkeln wohl nicht viel Platz für Experimente. «Abnormale» Bedürfnisse hatten wir schon immer, aber erst jetzt lassen wir sie auf andere Menschen los. Wieso wir Fetische haben, ist nicht ganz klar. Wie alles in unserem verkorksten Erwachsenenleben kann ein Fetisch auf ein Trauma oder ein besonders schönes Erlebnis in unserer Kindheit zurückgeführt werden. Sigmund Freud, mein Freund und Helfer in Recherchesituationen zu verkorkstem Erwachsenenleben, meinte, dass Fetische entstehen, weil der Mann die Frau dazu nicht unbedingt nackt sehen muss. Und das männliche Unterbewusstsein dann immer noch davon ausgehen darf, dass die Frau einen Penis hat. Dann gebe ich mich lieber mit «nicht ganz klar» zufrieden.

Mit dem Kapitalismus kamen unsere Fantasien dann auf den Markt. Vibratoren, Peitschen, Lackkostüme – Sex sells. Und alles andere, das ein Bedürfnis befriedigt, schliesslich auch. Karl Marx beschrieb einen Fetisch, von dem ich denke, das er heute lebendiger ist, als je zuvor: den Warenfetisch. Wir geben Waren einen Wert, den sie gar nicht haben. Ein Kleid ist nicht sexy oder elegant – es ist ein Stück Stoff. Ein Iphone ist nicht edel oder das Must-have dieses Jahrzehnts – sondern eine Box aus Kunststoff. Eine Avocado ist ein stinknormales Lebensmittel, nicht der Frucht-Messias.

Statt des Animismus‘ haben wir dem Materialismus so viel Leben eingehaucht, dass wir uns jetzt seinen ungeschriebenen Gesetzen unterwerfen müssen. Die Modeindustrie, die Technologie und die Werbung sagen uns, was Trend, beziehungsweise Fetisch ist. Vielleicht brauchen wir ja nicht einen Fetisch, sondern möglichst viele, um unsere Leben zu rechtfertigen. Wie sonst erklären wir, dass Calvin Klein Unterwäsche schöner ist als solche aus dem Supermarkt? Dass ein Audi prestigereicher ist als ein VW-Golf? Oder ein Billy Ikea Regal passender im Wohnzimmer als das alte Holzregal von Oma? Sie haben schliesslich alle die gleiche Funktion. Erst durch Glauben wird ein Objekt lebendig. Erst durch unsere Fetischisierung wird der Materialismus zur Religion.

Quellen
Animismus (Religion)
Fetisch Entstehung nach Sigmund Freud (S.9)
Der Warenfetisch nach Karl Marx