Mikrokosmos Lebenshilfe: Ein Stückchen vom grossen Ganzen

Cornel lebt seit sieben Jahren in einer Sechser-WG in Reinach AG. Jeden Tag geht er in einer Druckerei im Dorfzentrum arbeiten und hat seit Längerem eine Freundin. Klingt nach einem ganz normalen Alltag. Nur dass Cornel, obwohl er 45 Jahre alt ist, von mehreren Betreuern durch den Tag begleitet wird. Denn er ist mit Trisomie 21 zur Welt gekommen.

Frühstück gibt es um halb sieben. In etwas mehr als einer Stunde muss Cornel in der Druckerei der Lebenshilfe erscheinen. Um 10.30 Uhr ist Znünipause, um 12 Uhr gibt es Mittagessen, um 14 Uhr geht’s ins Qigong und um 16 Uhr hat Cornel Feierabend. Doch heute wird alles etwas länger gehen. Denn Cornel führt mich in sein Leben ein. Das tut er mit einer Geduld und Gewissenhaftigkeit, dass ich am Ende des Tages beinahe alle Mitarbeiter und Klienten im Hauptgebäude der Lebenshilfe kenne. Das sind 120 Menschen.

Insgesamt arbeiten 270 Menschen bei 170 Vollzeitstellen für die Lebenshilfe. Die Institution kümmert sich um 260 Menschen mit einer geistigen, körperlichen oder psychischen Behinderung. Sie bietet Wohnplätze, Beschäftigung und Werkstätten an. Wer hier Klient ist, wird gefördert. Menschen mit einer leichten Einschränkung arbeiten in der Küche oder als Landschaftsgärtner, Menschen, die im Alltag mehr Betreuung brauchen, arbeiten in den Werkstätten unter anderem an Kerzen, Karten und Tongefässen.

Cornel sitzt als einer der ersten am Frühstückstisch. Er setzt sich erstmal zwei Stühle entfernt hin. Und beobachtet mich. Das gibt mir Zeit, ihn zu mustern. Sein dunkelblondes Haar ist locker nach links gebürstet. Er hat wässrigblaue Augen und trägt einen subtilen Schnauz. Subtil, da er durch die helle Farbe und die Position in seinem Gesicht kaum auffällt. Dafür graben sich tiefe Falten um Augen, Mund und in die Stirn. Sie wirken beinahe fehl am Platz im sonst runden und jugendlichen Gesicht. Diese Kombination gibt Cornel ein altersloses Aussehen, das Menschen mit Trisomie 21 eigen ist.

«Manchmal wird es etwas laut», bemerkt Cornel entschuldigend und unterbricht dadurch meine Gedanken. Manuel* stampft schnaufend und murmelnd durch die Stube. Er hat eine Form von Autismus und sagt gerade seinen Tagesablauf vor sich her: «Nach vorne laufen, Kaffee trinken, schwimmen, nach vorne laufen, Kaffee trinken, schwimmen, nach vorne laufen, Kaffee trinken, schwimmen, nach vorne laufen, Kaffee trinken, schwimmen ». Die Wiederholung scheint ihn zu beruhigen. Um aber ganz sicher zu gehen, streckt er seine linke Hand nach einer der anwesenden Betreuerinnen aus. Mit ihr rezitiert er nochmals: «Nach vorne laufen… Kaffee trinken… schwimmen…» Sie blicken sich fest in die Augen. Die Betreuerin nickt nach jedem Punkt langsam und bestätigend.

In der Zwischenzeit sind auch Martin*, Regina*, Sabine* und Jeannine* am Frühstückstisch erschienen. Allesamt Mitbewohner von Cornel. Sie plaudern mit den Betreuerinnen, besprechen ihren Tag, nehmen ganz neben bei, wenn nötig, ihre Medikamente ein. Cornel bekommt zwei grosse weisse und eine kleine rote Tablette. Die rote ist für seine Gicht, erklärt er mir später. Wegen der darf er auch kein Schweinefleisch essen und nicht zu viel Schokomilch trinken. Nicht immer ein einfacher Verzicht.

Als es auf 7.30 Uhr zugeht, wird es in der Stube lebhafter. Die Betreuerinnen besprechen den Tag, es kommt noch ein Praktikant dazu. Regina hat etwas auf dem Herzen und Manuel rezitiert weiter seinen Tagesablauf. Cornel nimmt seine Hörgeräte aus den Ohren. Das wird er an diesem Tag noch öfters tun. «Manchmal wird es mir einfach zu viel», erklärt er. «Dann muss ich mich zurückziehen.» Er führt mit seiner rechten Hand eine kreisende Bewegung zu seiner Stirn. Hörgeräte raus, Konzentration nach innen. Das ist sein Ausweg aus einer zu lauten Welt. Treffend sagt er immer dann, wenn ihm etwas nicht passt: «I mags gar ned ghöre».

Während wir Frühstücken denke ich: So anders ist es hier doch gar nicht. Ich kenne Studenten-WGs in denen es wilder zu- und hergeht. Und die befinden sich nicht in einem hübschen Häuschen am Dorfrand. Das Zimmer von Cornel würde mir auch noch gefallen. Es ist eines der grössten im Haus, mit grossen Fenstern und einem Balkon ausgestattet auf dem Cornel im Sommer gerne Kaffee trinkt. Dekoriert hat er es mit einer FC Aarau Flagge mit Unterschriften der Fusballer, einem Plakat des HC Davos Spielers Andres Ambühl und einem des BVB Spielers Manuel Akanji. Mit einem kleinen Lavabo, dem Schreibtisch, auf dem er gerade an der Zeichnung eines Kursschiffes arbeitet, und einem grossen Bett hat Cornel auf wenigen Quadratmeter alles, was er zum Leben braucht. Im Raum dominieren die Farben Orange und Rot.

Cornel trägt einen orangen Pullover, darüber zieht er gerade eine dicke Winterjacke. Es ist Zeit, aufzubrechen. Im Gegensatz zu seinen Mitbewohnern trägt er kein leuchtendes Warndreieck. Cornel kann unbegleitet zur Arbeit gehen. Wir machen uns auf den Weg.

Ich frage mich kurz, ob ich etwas gemerkt hätte, wenn ich ihm auf der Strasse begegnet wäre. Aber was hätte ich denn eigentlich genau merken müssen?

Cornel ist etwas kleiner als ich. Durch sein Auftreten und seine Art sich zu kleiden erinnert er mich an einen meiner Lieblingsonkel. Tiefe Lachfalten um die Augen, ruhig, unaufdringlich. Unauffällig.

Unsere Gespräche sind zurückhaltend, geraten manchmal ins Stocken. Und das wird den ganzen Tag so bleiben. Ich bin überfordert. Wie verhalte ich mich richtig? Was passiert, wenn ich Cornel vor den Kopf stosse? Kann er mir sagen, wann er keine Lust mehr hat? Wie unterhalte ich mich richtig mit ihm? Mir fehlt eine Referenzgrösse.

Und dann überrascht er mich mit seinen Antworten: «Hast du eine grosse oder eine kleine Schwester?», frage ich. »Mmmh, normal.» antwortet er. Und ich schmunzle.

Endlich jemand, der nicht hinter jeder Frage eine versteckte Botschaft vermutet. Es kann so wertvoll sein, Dinge einmal anders zu sehen. Ein bisschen fühle ich mich aber auch ertappt. Immerhin gehöre ich genau zu den Menschen, die sich das Leben komplizierter machen, als es ist.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich in der Druckerei der Lebenshilfe unwohl fühle. Weil ich mir Kreativität als Leidensprozess vorstelle und weil man diesen Prozess alleine durchmacht.

Auf A3 entstehen hier Motive, die später auf A5 grossen Postkarten verkauft und verschickt werden. Zehn Klienten arbeiten an den Motiven. Das Thema dieses Jahr: Länder und Kulturen. Der Prozess ist bei jeder Postkarte gleich: Am Anfang wird skizziert, die besten Skizzen werden von den Betreuerinnen ausgewählt, kopiert und vergrössert. Die Kopien werden dann zu einem Bild arrangiert und von den Klienten ausgemalt.

Cornel hat Talent, finde ich. Er macht das auch schon ziemlich lange. Wie lange? «Ach», er winkt ab, «scho lang.» Er zeigt mir sein Portfolio. Ein faustdicker schwarzer Ordner. Auf der ersten Seite ist ein Foto von einem jüngeren Cornel festgeklebt. Vielleicht 20, vielleicht 30 Jahre alt. Dann zeigt er mir seine Karten. Jede Einzelne geht er mit mir durch. «Hier sind Kühe», beschreibt er, «das ist das Appenzell, das ist ein Haus, das sind Enten, das ist ein Engel.»

Ich mag seine Karten. Ich mag ihre Farbigkeit und die freien Linien. Hier muss sich niemand an starre Fotorealität halten. Die wahre Spezialität Cornels sind aber Häuser und Wände. In minutiöser Genauigkeit und unendlicher Geduld zeichnet er Stein für Stein. Jeden etwas anders, und dennoch in einer geometrischen Exaktheit, die in der Gesamtheit Sinn ergibt.

Gilt das auch für uns Menschen? Ist jeder Einzelne etwas anders, mit anderen Ecken und Kanten, damit wir – wie Elemente in einer Natursteinmauer – zusammen etwas Grosses schaffen können?

Was wäre das Grosse? Was das Kleine? Wo in dieser Mauer stehe ich – wo Cornel?

Es ist Zeit für die Znünipause. Es gibt Birchermüesli. Dann führt mich Cornel durch das Hauptgebäude der Lebenshilfe. Er stellt mich vor. Jedem dem wir begegnen. Er scheint ein gern gesehener Gast zu sein. Sabine umarmt ihn lange und herzlich, als sie sich in einer der Werkstätten begegnen. Und auch die Betreuerinnen freuen sich, als er vorbeischaut. Bei Cornel hingegen sehe ich wenig Emotionen. Er freut sich ehrlich, als er herausfindet, dass er genau 20 Jahre und 6 Tage älter ist als ich. High Five! Ansonsten lässt er sich wenig anmerken. Das nagt an mir.

Ich bin mir gewohnt, mich gut in Menschen hineinversetzen zu können. Das bilde ich mir zumindest ein. Doch bei Cornel ist das nicht so einfach. Ich kann nicht einschätzen, was in ihm vorgeht, wie viel ehrlich ist, was er sich wünscht und was von alle dem, was ich ihn frage, er versteht. Er scheint so genügsam zu sein. Was er gerne macht? «Ich mache alles gern.» Welche Farbe seine Lieblingsfarbe ist? «Ich mag alle Farben.» Ich kann mir diese Genügsamkeit nicht vorstellen. Ich warte – ja worauf eigentlich?

Ich bin mir gewohnt, dass Menschen unzufrieden sind. Glück? Es gibt nur Fakeglück bei Fakemenschen, gephotoshoppt und mit Filter. Aber im echten Leben? IRL? Nein. Und wenn, dann nur für kurze Zeit.

Cornel kennt das nicht. Ob er glücklich ist oder nicht, das möchte ich nicht beurteilen. Ich habe den Eindruck, er hat gelernt, genügsam zu leben. Er hat nicht so viele Wahlmöglichkeiten wie ich. Aber mehr Entscheidungsmöglichkeiten machen einen Menschen auch nicht glücklicher.

Beim Mittagessen lerne ich Karim* und Abdu* kennen. Die Brüder sitzen beide im Rollstuhl. Ein Betreuer hilft beim Essen. Es gibt Griessköpfchen mit Apfelmus. Cornel unterhält sich mit Abdu, dieser lächelt amüsiert. Spielerisch tippt Cornel ihm auf die Nase. Beide lachen.

Am Nachmittag zieht sich Cornel zurück. Er ist müde, denke ich. Am Mittag hatte er mich alleine stehengelassen. «Er braucht auch Zeit für sich», erklärt mir die Leiterin der Druckerei, «unsere Klienten werden ja von morgens bis abends begleitet.» Sie hat recht. Und auch ich brauche eine Pause. Nie alleine zu sein, kaum Privatsphäre? Scheint mir ein hartes Los. Ich krieg ja schon die Krise, wenn ich für ein paar Monate mit meiner pensionierten Mutter zusammen wohne.

Nach der Mittagspause male ich noch eine Weile mit Cornel. Dann begleite ich ihn ins Qigong – eine Art Bewegungstherapie. Cornel macht nicht richtig mit. Und zieht sich immer mehr zurück. Erst auf dem Nachhauseweg kommen wieder ins Gespräch.

«Cornel, was wünschst du dir denn so?», frage ich. Er überlegt: «Ich weiss es nicht so genau.» Lange stille. «Ich bin Fan der ZSC Lions. Es wäre schön, wenn sie aufsteigen würden.» Dann schweigt er noch einmal. «Und ich möchte einfach mit Sabine zusammen sein.» Seine Stimme wird höher, er ist aufgeregt und traurig. Vor kurzem, erklärt er mir, hatte er eine Auseinandersetzung mit Sabine. Das beschäftigt ihn.

Als wir wieder in der Wohnung ankommen, zeigt er mir kurz sein Zimmer und zieht sich dann zurück. Das Abendessen kocht heute Sabine. Es gibt Quark mit Radieschen und Tomaten. «Hast du super gemacht. Sieht ganz toll aus», sagt Cornel, auch wenn er Tomaten nicht mag. Beilage ist beim Abendessen auch eine kleine rote Tablette gegen Gicht. Cornel und ich reden wenig, wir sind beide müde.

Ich habe versucht mich in Cornels Welt einzugliedern. Und es doch nicht geschafft. Ich stelle mir wieder vor, wie Cornel und ich zwei unterschiedliche Steine in der selben Mauer sind. Wenn das so wäre, könnte unsere Begegnung ein bisschen Kitt sein. Mit etwas mehr Zeit und Geduld würde die Mauer stabiler. Vielleicht schaffe ich es in Zukunft ja, mich mehr auf das zu konzentrieren, was mich mit Cornel verbindet, als auf das, was uns unterscheidet.

 

*Namen wurden geändert.