Mikrokosmos Permakultur: Ein Tanz, bei dem die Natur führt

Bevor ich klingle, fällt mir auf, dass ich meine Leder Plateaustiefel anhabe. Und meinen Leder Rucksack. Und eine Jacke für dreissig Franken – gefunden im Zalando-Sale. Zu spät, jetzt bin ich schon im tiefsten Thurgau. Ich klingle.

Es riecht wie früher bei meinen Nachbarn. Als ich ins Wohnzimmer komme, merke ich wieso: Es wird über einen Kachelofen geheizt. Der Raum ist modern und hell, die Möbel aufeinander abgestimmt. Es gibt Tee und Früchte. Roland und Pia, ein Paar mittleren Alters, sind zu einem grossen Teil Selbstversorger, leben vegan. «Aber ganz konsequent bin ich dann doch nicht», sagt Pia, «ich trage auch Wolle.» Demonstrativ zupft sie an ihrem grauen Pulli. Ich nicke verständnisvoll, in guten Gedanken an meine Garderobe draussen im Gang. Und wechsle schnell das Thema. Wie hat denn alles angefangen?

Vor 10 Jahren haben sie sich dieses Bauernhaus und eine halber Hektar Land im Thurgau gekauft. Und es dann nach dem Konzept der Permakultur umgebaut und bepflanzt. Wenn ich aus dem Fenster schaue, kann ich mir nicht viel darunter vorstellen – die Ideen und Gedanken sind versteckt unter einer hartnäckigen Schicht Schnee. Darunter, lasse ich mir zeigen, liegen Gemüsebeete, eine Weide für Schafe und Kräuterboxen. Umzäunt von Haselsträuchern, Nuss und Kastanienbäumen.

Ein halbes Jahr lang haben Roland und Pia ihr neues zu Hause und ihren Garten geplant, berechnet, wie sie aus der Natur Nährstoffe, Strom und Wasser beziehen können, um davon leben zu können. Ein nachhaltiger Entwurf, bei dem sich die Umwelt möglichst selber reguliert und trotzdem effizient genutzt werden kann. Oder wie Bill Mollison, ein Gründer der Permakultur es beschrieb: «Ein Tanz mit der Natur, bei dem die Natur führt.»

Roland und Pia sind Quereinsteiger. Nachdem sie den Film «The Oil Crash» gesehen hatten, war für sie klar, dass sie etwas in ihrem Leben ändern müssen. Sie wollten nicht mehr abhängig von endlichen Ressourcen wie Erdöl sein. Und sich wieder ein Stück Freiheit und Selbstbestimmung zu erarbeiten. Wobei Arbeit das richtige Stichwort ist: Eine 150 Prozentstelle sei die Arbeit am Haus und im Garten. Nebenbei arbeiten beide noch Teilzeit an einer heilpädagogischen Schule.

Ich bin skeptisch. Freiheit bedeutet für viele von uns online kaufen zu können, im Winter nicht auf Erdbeeren verzichten zu müssen und übers Wochenende in eine andere Stadt zu fliegen. Ob sie sich nicht von der Natur abhängig machen, frage ich Roland und Pia. Im Gegenteil, meinen sie. Ihr Haus ist mit Holz aus ihrem eigenen Wald beheizt; wenn morgen der Strom ausfalle, die Börse wieder crashe oder die Ölpreise in die Höhe schössen, würden sie in ihrem Häuschen nichts davon mitbekommen. Anders als der grosse Rest der Schweizerinnen und Schweizer.

Okay, dann sind sie halt nicht auf Dienstleistungen angewiesen. «Aber was macht ihr, wenn ihr einen Schädling im Garten habt, der euch die Nahrung kaputt frisst?», versuche ich sie ins Leere laufen zu lassen. «Wir hatten Probleme mit einer Grillenart», erzählen sie mir dann. «Eine Zeit lang haben wir auch versucht, sie zu bekämpfen. Versucht, ihnen mit Öl im Wasser die Atmungsorgane zu verkleben – aber Gift wollten wir dazu nie einsetzen. Und so mussten wir dann irgendwann kapituliert. Und lernen, mit ihnen zu leben.»

Nicht zu kapitulieren, darauf sind wir Menschen normalerweise stolz. Immer mehr zu wollen, mehr zu kontrollieren und mehr zu unterwerfen, das ist doch das Ziel. Gerade in der Landwirtschaft und der Tierhaltung sucht der Mensch nach Lösungen, die ihm möglichst viel Ertrag für möglichst wenig Geld einbringen. Die moderne Landwirtschaft sei zwar sehr produktiv, aber auch sehr inneffizient, sagt Roland, weil wir momentan in einem kurzen Zeitfenster lebten, indem Energie sehr billig sei. Aber sobald die Erdölpreise nach oben gehen, werde sich das schlagartig ändern.

Obwohl Permakultur in den letzten Jahren an Interesse und Anhängern gewonnen hat, momentan strebt der Mensch noch nach anderen Dingen wie dem Einklang mit der Natur; nämlich Macht, Geld und Wachstum. Das spiele keine Rolle, meint Roland, es wird Anpassungen geben, entweder von uns aus oder dann drastischere. Sein Gesicht wird noch ernster. «Bereits ein Kindergärtner versteht, dass in einem begrenzten Raum nicht unendliches Wachstum stattfinden kann». Ich nicke zwar, aber denke leider, dass das einem erwachsenen Menschen ziemlich egal ist, solange er stirbt, bevor der begrenzte Raum ausgefüllt ist.

Und jetzt? Wir können ja nicht alle in den Thurgau ziehen, einen Bauernhof kaufen und Beeren anpflanzen. Viele, gerade junge Menschen, leben in der Stadt, haben bestenfalls einen Balkon. «Die Städte sind viel aktiver als das Land», sagt Pia. In sogenannten Transition Towns wie Basel oder Winterthur gibt es die Möglichkeit, sich mit anderen Städtern zusammenzuschliessen. Um Nahrungsmittel zu tauschen oder auch um eine solidarische Landwirtschaft aufzubauen, bei der die Produktpreise abgeschafft und direkt die Produktion finanziert wird. Ein Modell, das die Landwirte entlastet und trotzdem ihr Einkommen sichert.

«Permakultur ist nicht nur Ernährung. Wenn es dir ernst ist, ist es ein nachhaltiger Lebensentwurf mit einer Ethik», schliesst Roland. Vielleicht gefällt mir gerade das am Konzept Permakultur. Sie versucht nicht, eine Politik zu sein, die missioniert und «Nichtwissenden» vorgibt, wie sie leben sollen. «Die Welt können wir sowieso nicht retten. Die Frage ist, ob wir den Menschen retten können», wie Pia sagt. Eine Bewegung, die von innen kommen muss. Ein Bewusstsein für die Natur, das wieder erwacht. Daher braucht sie möglicherweise etwas länger und ist in vielen Bereichen noch unsichtbar. Aber das heisst nicht, dass sich nichts tut. Meine Lederstiefel und ich verabschieden uns.

Quellen
The Oil Crash
Transition Town
Solidarische Landwirtschaft