Rezension: Ein Meme kommt selten allein

Eigentlich war er ein friedlicher Kiffer, doch bekannt wurde er für ganz anderes. Pepe der Frosch, eine Comicfigur kreiert vor 13 Jahren durch den US-amerikanischen Zeichner Matt Furie, wurde in den Präsidentschaftswahlen 2016 im Mainstream als rassistisches Symbol bekannt.

Die Figur, halb zielloser Teenager, halb Frosch, erlebt im Comicstrip «Boy’s Club» von Furie kleinere Abenteuer mit seinen drei Freunden Brett, Andy und Landwolf. Durch Internetforen wie 4chan und Reddit findet der Frosch dann mit der Aussage «Feels good man» seinen Weg in die Weiten des Internets. Und wird zum Phänomen.

In unzählbar vielen Variationen wird aus dem schelmischen Pepe das Meme für alle Gelegenheiten. Ob als trauriger Frosch mit Tränen in den Augen oder in einer Adaption von Leonardo DiCaprio in «The Great Gatsby» mit einem Sektglas in der Hand: Pepe ist überall. Mittlerweile taucht er auch als Koch, Franzose oder eben als Rassist mit Hakenkreuz und Hitlerschnauz auf.

Tatsächlich sind «rare Pepes» – seltene Versionen des Memes – beliebt. Fast schon in Sammelkartenmanier werden sie gesucht, repliziert, adaptiert.

Dann der Schock: Anonyme Twitteruser geben als @JaredTSwift und @PaulTown_ einer Journalistin des Daily Beasts Ende Mai 2016 in einem Interview an, dass Pepe Propagandamaterial für eine Kampagne der «White Nationalists» sei. Ob die Aussage wahr war, ist bis heute umstritten. Andere Quellen behaupten, es habe sich bei @JaredTSwift um einen Troll gehandelt. Mittlerweile wurden beide Accounts von Twitter gesperrt.

Wer trollt hier wen? Wenn Ironie von noch mehr Ironie verdeckt wird könnte darunter vielleicht doch Zynismus oder Rassismus stecken. Screenshot von Tweetsave.com.

Was danach geschah war das, was immer geschieht: Eine Welle der Empörung ging durch die Massenmedien. Matt Furie wird solange interviewt, bis er sich auch noch vom letzten Pepe Meme distanziert hat, die Anti Defamation League erklärt Pepe zum Hasssymbol und Furie versucht mit #SavePepe das bisschen Gute, das an seiner Figur kleben blieb, zu retten. Doch es ist zu spät. Der Frosch ist in Ungnade gefallen.

Es bleibt unklar, ob Pepe nun ein rechtsradikales Meme war, oder erst durch die mediale Aufmerksamkeit zu einem wurde. Der darauffolgende #RainofFrogs zur Unterstützung Trumps an den Präsidentschaftswahlen war auf jeden Fall real.

Ob nun die Alternative Rechte Pepe braucht, um jüdische Journalisten anzugreifen oder die Anti Defamation League ihn nutzt, um gegen Antisemitismus und «for a safe and secure democratic Jewish State of Israel» vorzugehen: beide haben eine politische Agenda. Die Bedeutung des Memes ergibt sich aus ihrer Leseweise.

Übersetzt auf jeden Einzelnen von uns: Der Kontext eines Bildes – in diesem Fall des Memes Pepe – ergibt sich aus unserem Nutzungsverhalten. Im Webcomic von Matt Furie war Pepe noch ein verpeilter Kiffer. In meinem Feed ist er aber vielleicht die peinlich berührte Reaktion auf einen Status eines Facebookfreundes. Vielleicht benutze ich Pepe, um mich über meine kleine Schwester lustig zu machen, vielleicht aber auch, um Trump zu unterstützen.

Es macht gerade die Qualität eines Memes aus, dass es in so jedem Kontext verwendet werden kann und einfach immer passt.

Vervielfältigung – Reproduktion – ist dabei ein Grundrecht des Internets. Und wie Gerichtsentscheide zu Suchergebnissen bei Google zeigen: weder kontrollierbar noch durch eine Gerichtsbarkeit steuerbar.

Kann man also Symbole verbieten? Klar. Bringt es etwas? Nein. Es ist wie mit Fluchwörtern: Früher war mongoloid ein anerkannter Fachbegriff, heute ein verpöntes Fluchwort. Durch ein Verbot verschwinden aber nicht Fluchworte per se, sondern es entstehen einfach neue.

Matt Furie hat seinen Pepe getötet. In einer Ausgabe von «World’s Greatest Cartoonists» im Mai 2017 nehmen Pepes Freunde an seinem Sarg Abschied. Das sorgt für einen kurzen Aufschrei auf 4chan. Doch dann geht das Internet schon wieder seinen üblichen Weg. Und kreiert Blepe. Ein zum Meme gewordener blauer Freund Pepes (im Comic heisst er Brett). Blepe geht darum vielleicht bald seinem Comic-Tod entgegen.

Natürlich: Ein fiktionaler Tod löscht kein millionenfach reproduziertes digitales Meme. Längst ist Pepe mächtiger als sein Schöpfer geworden. Und wenn er nicht gelöscht wurde, so lebt er noch heute. In jedem unserer Social Media Feeds.

Sind Memes nun schlecht oder einfach genauso menschlich wie Fluchworte? Eines steht fest: Pepe ist nur ein Symptom eines tiefer liegenden Problems. Wir müssen an der Wurzel angreifen: bei jedem von uns. Verwenden wir Pepe also weiter – in einem positiven Kontext.