Schmelztegel der Kulturen

«Clash of Cultures!», das war der erste Satz, der mir in den Sinn kam, als ich anfing, soziale Strukturen in meiner Heimat – Aserbaidschan – zu analysieren.

Um all deine Stereotypen schon auf zu brechen, bevor sie überhaupt auftauchen (und da du aller Wahrscheinlichkeit nach noch kaum etwas über Aserbaidschan weisst), hier einige Hintergrundinformationen: Aserbaidschan ist ein postsowjetischer Staat, in dem hauptsächlich kaukasische Menschen, die die türkische Sprache sprechen, leben. Sie stellen einen einzigartigen und ungewöhnlichen Zweig der Muslime dar, die Alkohol trinken, Schweinefleisch essen und einen einfachen, säkularen Lebensstil leben. Gekleidet sind Aseris in «westliche» Kleidung.

Uns dem Mittleren Osten zuzuordnen wäre nicht korrekt, denn der Kaukasus ist eine kleine separate Region, die sich auf dem Kreuzweg von Osteuropa und Westasien befindet – kulturelle, gesellschaftliche und politische Unterschiede, haben uns vor fast 200 Jahren vollständig von der Region getrennt.

«Kulturelle Zusammenstöße» – «culural clashes» – verlaufen in Aserbaidschan recht friedlich. Die Menschen sind offen für Debatten. Internet- und Social-Media-Plattformen erleichtern es Progressivisten enorm, soziale Probleme im Land zu thematisieren.

Im August 2015 erklärte etwa ein lokaler Politiker, dass «Männer in kurzen Hosen ausgebuht, angehalten und verspottet werden müssen, Säure soll auf ihre Beine gegossen werden, so dass sie es bereuen und nie wieder Shorts anziehen.» Er fügte hinzu, dass das Tragen von Shorts für Männer strikt an Stränden akzeptabel sei. Daraufhin fand in der Hauptstadt von Aserbaidschan, Baku, ein von jungen Aseris organisierten Pro-Shorts-Flashmob statt. Die Veranstaltung konnte Hunderte von Jugendlichen vereinen.

Da ich selbst gerne Shorts trage, betrachtete ich die Aussage des Politikers als lächerlich und vermutete dahinter eine PR-Aktion. Seine Kommentare haben die aserbaidschanische Gesellschaft dazu gebracht, offener für individualistische Entscheidungen zu sein, (es entstand ein Konsens darüber, dass jeder selbst entscheiden sollte, was er tragen will).

Anfang 2017 versuchte dann ein konservativer Journalist, ein küssendes Paar in der U-Bahn Bakus zu unterbrechen. Später teilte er seine Missbilligung des Kusses in einem Post auf Facebook mit. Der Post ging viral, und führte zu einer neuen 50/50 Teilung des aserbaidschanischen Internets: eine Hälfte betrachteten Küssen als private Angelegenheit, die nicht in die Öffentlichkeit gehört, die andere Hälfte setzte sich für öffentliches Küssen ein. Auch ich beteiligte mich an der Diskussion und postete ein Bild eines küssenden Paares (um das Recht zur Handlungsfreiheit im öffentlichen Raum zu unterstreichen). Natürlich erhielt ich einige Kommentare, von Aseris, die nicht meiner Meinung waren. Dennoch habe ich versucht, allen respektvoll zu antworten (wenn sie denn die gleichen Regeln des Respekts befolgten).

Insgesamt ist Aserbaidschan ein interessanter Ort um zu leben. Das Land vereint Aspekte einer Vielzahl von Kulturen: Es ist durchtränkt von kaukasischen, europäischen und nahöstlichen Einflüssen. Dies schafft jedoch auch ein langes, andauerndes Drama über die Frage, wer wir als Aseris sind. Wir diskutieren immer wieder über unsere Identität und Herkunft. Meiner Meinung nach sollte das aber keine Rolle mehr spielen. Unser Standpunkt zur langfristigen Zukunft unseres Landes ist wichtiger.

Dennoch suche auch ich, genau wie die Mehrheit der Aseris, nach meiner Identität. Gerade ist es bei jungen Aseris populär sich an der europäischen Kultur zu orientieren, diese jedoch mit alten aserbaidschanischen Traditionen zu vereinen (wir feiern etwa nationale Feiertage und zelebrieren die aserbaidschanische Küche, bewahren Hochzeitstraditionen, Höflichkeitsfloskeln und Gesten).

Ich möchte Aserbaidschan aufblühen sehen und wünsche mir eine reiche, vielfältige, europäisch-ausgerichtete und progressive Kultur, die dennoch einige positive Elemente unserer Kultur behält: Vor allem unsere tolerante Haltung, die nationale Küche und unsere «Wärme», denn das vermisse ich in westlichen Werten. Wir haben schon die ersten Schritte auf dem Weg zu diesem Ziel gemacht.