Brauchen wir Geschlechterrollen?

Der Feminismus macht sich in unserer Gesellschaft breit. Und mit ihm der komische Beigeschmack, den er bei vielen hinterlässt. Und jetzt? Schlucken wir oder spucken wir? Kommt ganz darauf an, wie wir das Konzept zwischen Mann und Frau verstehen. Was war denn zuerst: die Geschlechterrollen oder die biologischen Unterschiede?

Eine Vulva und ein Penis setzen sich aus den gleichen Bausteinen zusammen – entwickeln sich ab einem bestimmten Punkt allerdings unterschiedlich. Der Grund dafür: das Y-Chromosom des Mannes. Das ist eigentlich alles, was es tut. Hoden basteln. Ansonsten sieht es ziemlich unspektakulär aus, verkümmert im Vergleich zum X-Chromosom. Wo sich übrigens auch ein Grossteil der Gen-Information befindet. Und davon hat die Frau schliesslich zwei. Sie kann defektes Erbgut leicht mit ihrem zweiten X-Chromosom ausgleichen. Männer hingegen kommen ohne dieses Ersatzrad zur Welt. Ist das ein Nachteil?

Männliche Babys sind jedenfalls verletzlicher als weibliche. Sie haben mehr Mühe erbliche Defizite auszugleichen und männliche Frühchen sterben eher als weibliche. Daher haben neugeborene Männer ein stärkeres Bedürfnis nach Stabilität. Und wir geben sie ihnen. Durch Vaterrollen, extra männliches Spielzeug oder durch den Populisten-Papi des jeweiligen Landes. Männer lernen früh, dass die Gesellschaft ihnen auf die Schulter klopft, wenn sie etwas erreichen. Dass es sich lohnt, einem Vorbild zu folgen. So schafft die Gesellschaft Arbeit, die eigentlich nichts anderes als Dreckjobs sind. Und verkauft sie als erstrebenswerte Traumjobs. Denn, mal ehrlich, wer gräbt freiwillig im Dreck nach Knochen? Begibt sich in einen unendlichen Raum ohne Sauerstoff? Oder rennt bei brütender Hitze einem Ball nach? Richtig. Männer, die etwas erreichen wollen.

Mädchen ticken da anders. Als Neugeborene sind sie die stärkeren. Und suchen sich vielleicht daher weniger Vorbilder als Jungs; in ihrer Intelligenz, ihrer Abenteuerlust und dem Drang, die Gesellschaft zu beeindrucken. Und wir vermitteln ihnen auch, dass dort ihr Platz ist. Im mittelintelligenten, mittelengagierten und mittelerfolgreichen Mittelfeld. Falls Frauen noch mehr erreichen wollen, dann bitte über ihr äusseres Erscheinungsbild. Da geht bestimmt noch was. Aber nicht zu viel. Sonst lenkt das die Männer wieder ab. Von ihrer Arbeit. Wettbewerbsverfälschung sozusagen.

Jetzt, in der aufblühenden Zeit des Feminismus, wollen wir Frauen aber mehr; Gleichberechtigung. Anders, als der Beigeschmack uns weismachen will, wollen Frauen aber nicht mehr als Männer. Sie wollen nur gleich viel. Und auch viele Männer haben diese Bewegung für sich entdeckt. Sie haben unterdessen gemerkt, dass die Gesellschaft versucht, sie in Rollen zu zwängen und wehren sich dagegen. Indem sie Stay-at-home-daddy oder –gamer werden, sich lange Haare auf dem Kopf wachsen lassen oder sie an anderen Stellen rasieren, ihre Gefühle zeigen und Frauen in ihren Zielen unterstützen. Das Problem: Frauen möchten jetzt die frei werdenden Dreckjobs. Wollen an die Spitze von Firmen, von Sportarten, von Abenteuern. Und dieser Ehrgeiz ist berechtigt. Es ist richtig, dass Frauen die gleichen Chancen zustehen müssen, wie Männern. Aber wenn die Bewegung darin endet, dass sich Frauen die Jobs wünschen, denen Männern entfliehen, ist das kein Fortschritt. Sondern ein blosser Abtausch von Macht.

Also nein, wir brauchen keine Geschlechterrollen. Sondern ein Verständnis für das Individuum vor uns. Für dessen Wissen und Ziele – unabhängig davon, ob sich mal Hoden gebildet haben oder nicht. Denn nur eine Gesellschaft, die Individuen akzeptiert, schafft Boden für Gleichberechtigung, Fortschritt und moderne Menschheit. Diese Chance ist jetzt da: Der Feminismus lässt uns das herkömmliche Konzept zwischen Mann und Frau aufbrechen und es neu organisieren. So, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern keine Rolle spielt. Sondern das Potenzial, das in der menschlichen Vielfalt liegt, geschöpft werden kann.

Quellen
Eine kurze Geschichte der Menschheit, Yuval Noah Harari
X-Chromosom: Intelligenz ist Frauensache
Mädchen und Jungs – wie verschieden sind sie?- Gerald Hüther
The Contribution of Brain Research to Male Self-Understanding – Gerald Hüther