Rezension: @dan_clay als Carrie Dragshaw – muskulös-feminine Ausnahmeerscheinung

Drag ist knallig, aufsehenerregend und schrill. Männer in aufwendig gearbeiteten Kleidern und viel Make-up unterhalten als Dragqueens in den Städten dieser Welt mit Humor und Charme das Publikum, kratzen sich in «RuPauls Dragrace» – einem Pendant zu «Germanys Next Topmodel» – gegenseitig die Augen aus und schweben in ihrem Dasein irgendwo zwischen geistreicher Persiflage und einem Flachwitz. Carrie Dragshaw ist dabei so etwas wie die Highfashion Version einer Dragqueen. Frei nach ihrem Vorbild Carrie Bradshaw – der Hauptfigur der Serie «Sex and the City» – kleidet Dan Clay sein Alter Ego dezent und doch auffällig modisch ein, unterstreicht seine ebenmässigen Gesichtszüge mit leichtem Make-up und bricht ganz nebenbei die Geschlechterrollen und Stereotypen auf, denen sein Vorbild nicht entkommen konnte.

Wer «Sex and the City» kennt, kennt das weisse Tutu mit rosa Top, das Carrie Bradshaw im Vorspann zur Serie trug. In hohen Schuhen stolpert sie darin durch New York, wird von einem Bus nass gespritzt bevor ihr blick dann auf ein Plakat zu ihrer Kolumne fällt. Eine Ankündigung von alledem, dass in sechs Staffeln folgen sollte: Manchmal souverän, manchmal tollpatschig stolpert Carrie Bradshaw von einer Beziehung in die nächste, ist dabei immer top gekleidet und beruflich erfolgreich. Zur Seite stehen ihr dabei drei Freundinnen: die freizügige Amanda, konservative Charlotte und zynische Miranda.

Eben das weisse Tutu mit rosa Top des Vorspanns trug Dan Clay an Halloween 2016. Dabei sollte es auch bleiben. Doch sein Kostüm entwickelte ein Eigenleben, wurde ein Riesenerfolg auf Social Media auf den auch Sara Jessica Parker aufmerksam wurde wodurch kurzzeitig auch die Medien auf Dan Clay aufmerksam wurden. Beflügelt von diesem Erfolg schlüpfte er immer öfters in die Haut von Carrie Bradshaw. Nach und nach wurde daraus ein Alter Ego: Carrie Dragshaw.

Ihr Vorbild, Carrie Bradshaw, war in den späten Neunzigern das Symbol für eine junge unabhängige Frau, die ihren eigenen Weg geht. Die Gespräche, die sie in den hippen Bars und Cafés New Yorks mit ihren Freundinnen führte, drehten sich um Beziehungen, Sex und Freundschaft. Rückblickend ist schwierig zu sagen, wie fortschrittlich die Serie zur damaligen Zeit war, doch heute, 14 Jahre nach Sendeschluss auf HBO, ist sicher: so unabhängig und emanzipiert wie sie es gerne gewesen wäre, war Carrie Bradshaw nicht. Denn sie sucht zwar nicht so verzweifelt nach der grossen Liebe wie Charlotte, oder ist so zynisch wie Miranda, aber ihr Leben wird doch immer wieder von den Männern bestimmt, die sie datet.

Gerade Mr. Big, der sie immer wieder stehenlässt, treibt sie regelrecht in den Wahnsinn. Jeder hat sich schon mal nach jemandem verzehrt, den man nicht haben konnte, der nicht gut für einem war. Mit Carries Leiden kann man sich wunderbar identifizieren. Doch mit dem Ende der Serie stirbt auch Carries Unabhängigkeit, denn nachdem sie Mr. Big über die Jahre immer wieder schlecht behandelt hat, heiratet sie ihn doch. Und sendet damit die Message, dass ein Mann, wenn er gut aussieht und erfolgreich ist, auch ein Arschloch sein darf. Wir heiraten ihn trotzdem.

Dan Clay tritt nun in die Fusstapfen Carrie Bradshaws. Und geht vielleicht da weiter wo sie gestolpert ist. Denn auch wenn Bradshaw auch Stereotypen und Geschlechterrollen in ihren Kolumnen thematisierte, blieben sie Nebenschauplatz. Als Carrie Dragshaw bricht Dan Clay Geschlechterrollen gleich selbst. Nichts kaschiert seine muskulösen und behaarten Beine im Minijupe. Seinen Waschbrettbauch im Croptop oder die breiten Schultern im grünen Rock. Zugeben: Dan Clay hat im klassischen Sinne den perfekten Körper. Durchtrainiert und gepflegt ähnelt er ungeschminkt einer griechischen Marmorfigur. Dennoch ist es selten, das eine Dragqueen so sehr zu ihrem Körper steht. Oft helfen sie mit langen Kleidern oder viel Padding nach, um weiblicher zu wirken.

Dan Clay tut nichts von alledem. Er steht zu sich selbst, zu seiner Männlichkeit ebenso wie zu seiner Weiblichkeit. Er zeigt: Es gibt ein Leben zwischen gesellschaftlichen Vorstellungen. Und niemand muss es durch Padding, Make-up oder einem hollywoodesken «Happy End» kaschieren.