Mikrokosmos Rescue Food: Warum Essen nach dem Feiern am geilsten schmeckt

Mein Wecker klingelt, es ist zwei Uhr morgens. Während ihr noch in den Clubs klebt, schlüpfe ich in den gemütlichsten Pullover, den ich finden kann, und mache mich auf den Weg zum nächsten Imbiss. An diese Art von Ausgang könnte ich mich gewöhnen.

Einfache Holzeinrichtung, Neonbeleuchtung, an einer Wand wird ein Tennisspiel wiederholt. Das Lokal ist schon ziemlich voll. Kurz nach mir kommen drei aufgepumpte Typen rein, blicken sich um, als ob sie den Raum und alle Menschen darin kaufen möchten. Es fällt niemandem auf. Alle sind zu beschäftigt mit betrunken sein. Ausser mir; ich habe heute nichts getrunken, muss nüchtern bleiben. Denn, ihr kennt das, nach dem ersten Drink sind die Sinne verschwommen, nach dem zweiten sieht der schlaksige Typ aus der Parallelklasse ein bisschen besser aus, und nach drei Drinks spielt es keine Rolle mehr, wie etwas schmeckt. Aber heute will ich wissen: Was steckt hinter dem magischen Gefühl um drei Uhr morgens in fettiges Essen zu beissen? Ich bestelle mir Pommes, meinen Klassiker.

Fettiges Essen nach überteuerten Drinks tut einfach gut. Wenn wir zu viel Alkohol trinken, entzündet sich unsere Magenschleimhaut, uns wird schlecht, die Spezialisten unter uns kotzen auf einen Gehweg, damit die Mitmenschen noch bis Mittwoch etwas davon haben. Sogenannter «Rescue Food» schmiert den Magen und kann so diesen Symptomen vorbeugen. Ausserdem pusht er unseren Blutzucker-Pegel, wir fühlen uns also fitter.

Neben mir sitzen zwei Frauen mit glasigem Blick und schweren Zungen. Sie haben beide gerade einen Dürüm bestellt. «Hey, hey, hey!», ruft die wachere der beiden der Bedienung nach, «mit scharf!». Sie nickt ihrer Begleitung beruhigend zu, Mission complete. Zu meiner Rechten werden gerade Pizzen für zwei Frauen und ein Döner für einen jungen Mann serviert. Er wirft von Zeit zu Zeit Kussgeräusche in den Raum, vermutlich weiss er selbst nicht genau, für wen sie bestimmt sind. Auch egal, mit jedem Kuss schwappt eine Welle Glück über sein Gesicht.

Alkohol senkt die Hemmungen. Der Teil des Gehirns, der uns unter der Woche davon abhält, den Flachmann mit ins Büro zu nehmen, ist jetzt lahmgelegt. Egal, wie wenig wir trinken, der Alkohol gelangt über das Blut in unser zentrales Nervensystem und blockiert den Teil des Gehirns, der für unsere Emotionen verantwortlich ist und unser Urteilsvermögen eingeschränkt. Wir fühlen uns um einiges tapferer, lustiger und attraktiver. Soziale Stoppsignale werden mit Enthusiasmus überfahren.

Eigentlich möge er die Türken ja nicht so gerne, meint der Mann mit vollem Döner-Mund neben mit. Ob er das nicht ein bisschen rassistisch fände, frage ich ihn. Er überlegt kurz. Er sei selber Türke, dann gehe es, schliesst er sein Plädoyer. Er wirkt zufrieden. Hinter mir fällt ein Glas zu Boden, gefolgt von begeistertem Klatschen. Unterdessen sind die beiden Dürüm mit hey hey hey scharf! angekommen. Eine der Frauen bindet sich die Haare zusammen, sie macht das nicht zum ersten Mal. Sie reibt sich mit den Handballen über die Augen. «Wir können das nicht mehr jede Woche machen, sind schliesslich keine zwanzig mehr», sagt sie zu ihrer Freundin. Diese schaut enttäuscht.

Unser Gehirn verbindet mit nächtlichem Essen nicht nur Zucker und Fett, sondern auch soziale Glücksmomente. Genau wie wir uns auf einen Kaffee mit einer Freundin treffen, freut sich unser Gehirn darauf, mit Freunden Fast Food von den Fingern zu lecken, tiefgründige Gespräche zu führen und unvorteilhafte Selfies auf Snapchat zu laden. Wenn wir betrunken unsere Zähne in Essen graben, werden Probleme surreal. Im Nebel aus Müdigkeit und langsam einsetzenden Kopfschmerzen ist kein Platz für Alltagsstress. Eskapismus ist eine saloppe Erklärung, aber legitim in Verbindung mit Alkoholeinfluss – dann wirkt eh alles ein bisschen romantisch verklärt.

Vielleicht schmecken mir meine Pommes deshalb nicht wirklich. Mir fehlt der verschwommene Blick, die Gleichgültigkeit darüber, dass ich mir seit einem halben Tag die Hände nicht mehr gewaschen habe, das Rauschen in den Ohren und Freunde, die ohne Grund lachen. Ich reibe das Salz an meinen Händen an einer Serviette ab und gehe nach Hause.

Quellen
Fettiges Essen und Kaffee trinken
Alkohol senkt unsere Hemmungen