Rezension Miss Independent von Ne Yo – oder die kurze Blütezeit des Hosenanzugs

Als 2008 «Miss Independent» raus kam, war ich begeistert. Unabhängig, sexy und berufstätig zu sein – der Traum einer jungen Frau, die gerade mal einen Viertel ihrer Pubertät durchgestanden hat. Gut, Ne-Yo hätte auch «Chihuahua» von DJ Bobo remixen können und es wäre meine Hymne geworden, ich war ein grosser Fan und er unantastbar.

10 Jahre später und meine Youtube-Playlist macht einen unerwarteten Abstecher in meine Teenie Vergangenheit. Zur Rekapitulation: Die Nuller-Jahre waren die Tage, in denen wir uns «Maneater» von Nelly Furtado per Bluetooth schickten, unseren Liebeskummer mit «Unfaithful» von Rihanna betäubten und unsere Sexualität zu «Beep» von Pussy Cat Dolls entfalteten. Gute Zeit. Ich klicke also vorfreudig auf den Clip «Miss Independent.»

In den ersten 30 Sekunden kommt Ne-Yo im Büro an, wo zunächst mal nur Frauen sind und darauf warten, ihn zu begrüssen. Er trägt einen dieser Cowboy-Detektiv- Hüte, die heute zum Glück ausgestorben sind – von Zeit zu seit aber an Festivals und Faschingsparties ihr fieses Revival erleben. Ne-Yo mustert seine Mitarbeiterinnen von oben bis unten, beisst sich auf die Lippe und bleibt mit seinem Blick an Nylonstrümpfen kleben. Ich lache nervös, das war halt eine andere Zeit: Als Nachpeifen noch Komplimente, Muskeln noch Männersache und Männersache noch ein Wort ohne Nachgeschmack waren.

Und dann kommt sie, die Miss Independent. Abgesehen davon, dass sie einen schwarzen Hosenanzug trägt und anders als die Frauen im Empfang nicht aus einer devoten Perspektive gefilmt ist, hebt sie sich nicht allzu sehr von der «abhängigen» Masse ab. «She does her own thing» beschränkt sich darauf, vor einem Bildschirm zu stehen, auf eine Statistik zu zeigen, Ne-Yo laszive Blicke zu zuwerfen und ihre nackten Beine auf dem Tisch zu verschränken. Ein bisschen twerken liegt dann doch noch drin – 2009 war das ja noch eine unverbrauchte Kunst.

Meine nostalgischen Gefühle entfalten sich jedenfalls nur schwer. Und dann, in der Schlussszene entschuldigt sich Miss Independent bei Ne-Yo, weil sie ihm «heute das Wort abgeschnitten habe» – schön und gut. Aber dann fragt sie mit einem Wimpernschlag, wie sie das wieder gut machen kann und läuft aus dem Bild. Ne-Yo und sein Hut folgen ihr siegessicher. Und darum, liebe Miss Independent, Heldin meiner Teenie Tage, bist du für mich in den letzten zehn Jahren von halbfortschrittlichem Symbol zu veraltetem Klischee geworden.

Unterdessen hat sich Twerken als Grundstein der Pop-Musik etabliert, Nicki Minaj und Kanye West verdienen Millionen damit und ich bin immer noch nicht sicher, ob ich die Pubertät überstanden habe. Zumindest sind Videoclips wie «Anaconda» und «Fade» heute in einem anderen gesellschaftlichen Kontext zu verstehen. Hosenanzüge werden im echten Leben nicht mehr als Emanzen-Fantasie abgetan – und das ist gut so. Eine unabhängige Frau ist kein sexualisiertes Klischee. Sondern was immer sie möchte.

Hier geht’s zu «Miss Independent» von Ne-Yo